Interview mit Florian Zurheiden von "Human leben"

NETZWERK BALKONGÄRTEN BRINGT EIN STÜCK UNABHÄNGIGKEIT AUF DEN BALKON

Quelle: www.human-leben.net, 04.April 2013

Da dies auch ein wichtiger Aspekt für ein humanes Leben ist, hat die Initiatorin – Frau Karin Kook – einige Fragen für Human-Leben beantwortet. Vielleicht finden ja auch Sie Interesse sich (noch mehr) mit Ihrem Garten zu beschäftigen.

Human-Leben (HL): Was / wer ist das Netzwerk Balkongärten (NBG) und wo kann man Ihre Gruppen vor Ort überall schon finden?
Frau Kook (NBG): Das Netzwerk Balkongarten ist ein Zusammenschlus aus ca. 100 Haushalten, darunter viele Familien mit Kindern, aber auch ältere Ehepaare oder Studenten, die keinen Garten haben. Die meisten kommen aus Freiburg im Breisgau. In Basel/Binningen ist derzeit eine neue Gruppe im Aufbau, in Zürich bestehen erste Kontakte.

HL:  Was wollen Sie mit NBG erreichen?
NBG: Es gibt ganz verschiedene Motive. Zunächst ist Balkongärtnern ein schönes und kreatives Hobby. Gemüse blühen nämlich genauso hübsch wie die üblichen Balkonblumen. Praktische ist, dass mit ein wenig Erfahrung immer frische Kräuter und im Sommer auch eine Menge erntefrische Gemüse zur Verfügung stehen. In umweltpädagogischer Hinsicht ermöglicht es Familien ohne Garten, die Natur ganz nah an den eigenen Lebensraum heranzuholen, für 24 Stunden am Tag. Zu beobachten gibt es vielerlei. Neben dem Lebenszyklus der Pflanzen kann der Balkon durch Nistkasten oder Insektenhotel für die Tierwelt attraktiv gestaltet werden. Oft wird man in kürzester Zeit mit regelmäßigem Besuch belohnt. Im Netzwerk Balkongarten kann man Antworten auf entstehende Fragen finden. Zudem eröffnet die Landwirtschaft im Miniaturformat den Blick auch auf mancherlei wichtige Aspekte der globalen Landwirtschaft. Dies beginnt bereits mit der Auswahl des Saatgutes, also noch bevor man die ersten Samenkörner in die Erde legt.

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HL: Wie sind Sie darauf gekommen?
NBG: Das Netzwerk Balkongarten wurde relativ spontan gegründet. Für einen Workshop zum Balkongärtnern wurde noch ein Referent gesucht. Dabei wurde klar, dass eine einmalige Veranstaltung nicht ausreicht, sämtliche Fragen zu beantworten, die das praktische Gärtnern im Jahreslauf aufwirft. Welches Saatgut soll man verwenden? Wann und wie pikieren? Welche Töpfe sind geeignet und worauf muss man bei der Erde achten? Wann kann ich ernten? Welche Pflanzen können überwintert werden? Die Idee zum Netzwerk Balkongarten war geboren.

HL: In wie weit kann NBG zu einer unabhängigen Nahrungsmittelversorgung beitragen?
NBG: Je nach Platz und je nach gärtnerischen Fähigkeiten – die von Jahr zu Jahr wachsen – kann einen Teil der Nahrungsmittelversorgung vom Balkon aus bestritten werden. Viele wünschen sich zunächst Küchenkräuter, die immer wieder nachwachsen und nicht viel Platz benötigen. Mit etwas mehr Platz (z.B. 7 großen Töpfen) kann beispielsweise eine Jahresration Tomaten gezogen werden. Vor zwei Jahren “musste” ich von Ende Juli bis Ende September täglich bis zu 100 sonnengereifte Cocktailtomaten essen. Es hat lange gedauert, bis ich nach dieser Zeit wieder Tomaten gekauft habe.

HL:  Welche Pflanzen eignen sich besonders?
NBG: Am besten eignen sich Pflanzen, die nicht zu empfindlich gegen Trockenheit sind. Allerdings kann man hier mit der Topfgröße entgegenwirken. Küchenkräuter eignen sich gut,  Feuerbohnen sind ein hübscher Sichtschutz. Ein wichtiger Punkt ist, danach auszuwählen, dass man oft ernten kann. Das Lieblingsgemüse der Balkongärtner sind eindeutig die Tomaten. Pflanzt man Ochsenherz, eine Sorte, die wenige große Früchte ausbildet, kann man erst sehr spät ernten. Das ist anders bei Cocktailtomaten, die man quasi täglich für Salate, als Pizzabelag oder einfach mal so zwischendurch pflücken kann. 

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HL: Gibt es Voraussetzungen hinsichtlich des Balkons?
NBG: Die meisten Pflanzen benötigen eine gewisse Menge Sonne um zu wachsen. Tomaten, Paprika, Chili, Auberginen benötigen viel Sonne. Dann gibt es eine ganze Reihe von Pflanzen, die auf einem Ost- oder Westbalkon bestens gedeihen. Die winterharten Etagenzwiebeln z.B. in Kombination mit Erdbeeren aber auch Zucchini, Bohnen, verschiedene Kräuter und viele mehr kommen mit Morgen- oder Abendsonne gut aus. Pflanzen mit grossen Blättern, z.B. Salate, eignen sich besonders gut für teilbesonnte Balkons, da deren grosse Blätter viel Wasser verdunsten und in voller Sonne  – zumal im Topf – schnell welken. Optimal ist es, wenn Regen von oben auf die Töpfe fallen kann. Ein genauso wichtiger “Bio-Faktor” ist übrigens der Balkongärtner, der mit der Zeit ein immer besseres Gefühl für sein kleines individuelles Ökosystem gewinnt.

HL: Welche Tipps geben Sie Einsteigern bzw. wie kann man bei Ihnen mitmachen?
NBG: Auf unserer Webseite und über einen Mailverteiler werden Termine für Workshops angeboten, die sich neben generellen Aspekten meist an den Fragen des Teilnehmerkreises orientieren. Diese sind mitunter sehr verschieden. Ein Tipp ist, auf jeden Fall einmal anzufangen. Nach der ein oder anderen missglückten Petersilienaussaat haben viele das Gefühl: ich kann das sowieso nicht. Doch der Anfang ist gar nicht schwer, die Workshops bieten für Einsteiger die wichtigsten Informationen. Im Jahreslauf gibt es dann viele Möglichkeiten sich innerhalb des Netzwerks zu treffen: die ersten Erdbeeren auf einer Dachterasse zu teilen, sich die Pflanztechnik auf einem Nordbalkon anzusehen und im Winter im warmen Wohnzimmer gemeinsam die nächste Aussaat zu planen. Viel Spass und neue Freunde gibt es inklusive.

Wer über Termine informiert werden möchte, sendet eine Mail mit dem Betreff “Anmeldung Newsletter” an die Verteileradresse: netzwerk.balkongarten@web.de
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